Teil 3: Spatalonien
- Fiona
- 5. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Endlich raus aus Deutschland, nichts gegen Urlaub im eigenen Land, doch ich muss zugeben, ich komme doch wesentlich schneller in das gelassene Oh-ist-das-schön-hier, wenn ich die Straßenschilder nicht lesen kann.
Auch wenn wir Frankreich nur als Durchreiseland erkundet haben, konnten wir hier schnell ein paar Dinge feststellen: Franzosen Campen gern und in Frankreich wird den Campern das Leben einfach gemacht.
Viele Orte, durch die wir gekommen sind, hatten einen ausgewiesenen Wohnmobil-Stellplatz (Aire de Camping-Car, so oder so ähnlich, auf Google Maps war die Bezeichnung nicht gerade einheitlich), die meisten davon mit Ver- und Entsorgung mindestens von Grauwasser und einige auch mit Toiletten.
Aber auch Parkplätze außerorts, die nicht zu belebt waren und keine Verbotsschilder aufwiesen, wurden gern und unkompliziert als Übernachtungsplatz genutzt.
Und ein großer Vorteil war natürlich auch das Wetter, da wir in Frankreich dann wieder Autobahnen gefahren sind, haben wir doch zügige Schritte in Richtung Süden gemacht und schnell das Gefühl, dass wir den kurz hinter der französischen Grenze neu erworbenen, zusätzlichen Schlafsack für die Nächte doch nicht brauchten.
Denn wir konnten schnell unsere Regenjacken und Stirnbänder gegen Sonnenbrillen tauschen.
Nach zwei Tagen voller Autofahren, gingen wir den dritten Tag etwas langsamer an und erledigten die üblichen Dinge des normalen Alltags - Einkaufen. Trotzdem erreichten wir am Nachmittag wie geplant die Pyrenäen, die sich schon den gesamten Tag am Horizont blicken ließen.
Es war ein wirklich beeindruckender Anblick, da der vor wenigen Tagen frisch gefallene Schnee noch sehr hell und weiß auf den Gipfeln lag, während wir bei gut 20 Grad am Mittelmeer entlang fuhren.
Am selben Tag noch überquerten wir die spanische Grenze und schliefen an einem Platz mit Blick auf Meer und Berge.
Schon auf der französischen Seite fingen wir an mehrere Graffitti und Fahnen zu sehen und sobald wir die Grenze überquerten wurden sie noch einmal deutlich häufiger und auffälliger und machten uns sehr bewusst, dass wir uns hier in Katalonien befinden. Die Frische der Farbe und die Sprüche, die, auch wenn ich kein katalan spreche, deutlich Spanien und die spanische Regierung beschimpft und die katalonische Unabhängigkeit fordert, zeigte uns wie präsent der für uns fast in Vergessenheit geratene Konflikt hier noch immer ist. Natürlich klingelte da etwas in meinem Hinterkopf, ich erinnerte mich an Demonstrationen aus den Nachrichten und an irgendeine Abstimmung, die aber keine war. Doch so richtig bekam ich das alles nicht mehr zusammen, also habe ich mal ein bisschen nachgelesen:
Die iberische Halbinsel war schon früh begehrt und wurde schon von Römern und Karthago und wie sie nicht alle hießen eingenommen. Die Gründungs Kataloniens setzten viele Historiker*innen bereits in das 9. Jahrhundert, in dem sich in der heutigen Region mehrere Grafschaften zusammenschlossen, die von Barcelona aus verwaltet wurden. Grundsätzlich ging es dort eine ganze Weile ziemlich gut voran, da der Handel im Mittelmeer florierte und Katalonien, dank der Küste ziemlich gut mitmischen konnte. 1492 dachte sich Kolumbus dann er versucht es mal in die andere Richtung und da kam Katalonien nicht so ganz mit, denn der Anteil an Atlantik-Küste ist dort nicht ganz so groß und damit der Handelsweg in die Richtung Amerikas eher schwierig. Auch im 18. Jahrhundert lief es nicht so gut, Katalonien stellte sich in einem Erbfolgekrieg auf die "falsche" Seite und Barcelona wird schlussendlich vom spanisch-französischen Heer eingenommen und zählt nun zu Spanien. [2]
Nach und nach (vermutlich mit einigen Reformen der spanischen Regierungsform aber wir wollen hier nicht kleinlich werden) wird Katalonien immer mehr Eigenverwaltung zugesprochen. 1906 gibt es einen Kongress mit dem ziel die katalanische Sprache zu vereinheitlichen und 1932 erhält Katalonien einen Autonomiestatus, wird also größtenteils eigenregiert, bleibt aber innerhalb Spaniens. Das hät nicht besonders lang, denn 1936 bricht in Spanien ein Bürgerkrieg aus, der durch den Putsch des rechten Militärs mit General Franco gestartet wird. Katalonien stellt sich dagegen und verliert, nach Francos Machtübernahme wieder jegliche Autonomie. Auch die Sprache wird aus den offiziellen Gebäuden (Verwaltung, Schule etc) wieder verbannt. [2]
Nach Francos Tod, 1975, bewegt sich Katalonien wieder Schrittweise auf die Autonomie zu und wählt 1980 das katalonische Parlament. Seit dem strebt die Region immer mehr nach Unabhängigkeit und erlangt sie durch z.B. unabhängige Bildungs- und Gesundheitssysteme. 2006 darf sich Katalonien selbst als "Nation" bezeichnen, auch wenn es keine staatsrechtliche Relevanz hat.[1,2]
2010 wird diese Bezeichnung und die Autonomierechte, von einer spanischen Partei angeregt, vom Verfassungsgericht geprüft und Teile davon wieder eingeschränkt. Daraufhin versammeln sich einige viele Menschen in Barcelona um dagegen zu Protestieren. Die Demonstrationen halten sich über Jahre (also immer mal wieder, nicht die gleiche) und 2014 wird schließlich der erste Versuch eines Unabhängigkeits-Referendums unternommen. Das Referendum wird jedoch verboten. 2015 finden Regionale Neuwahlen in Katalonien statt und die neue Koalition schreibt es sich auf die Fahne die Unabhängigkeit anzustreben. Ein Jahr später wird Carles Puigdemont an die Spitze der Regierung gewählt. Er kündigt im Juni 2017 erneut ein Referundum zur Abstimmung über die Unabhängigkeit an, auch dieses wird vom spanischen Verfassungsgericht als illegal erklärt. Trotz allem wird am 01.Oktober 2017 in Katalonien abgestimmt. Nach einem sehr fragwürdigen Ergebnis (43% Wahlbeteiligung, 90% pro Unabhängigkeit, da die anderen mutmaßlich das Verbot beachtet haben) erklärt Carles die Unabhängigkeit Kataloniens. Der Nebensatz, dass dies nicht sofort gelte und er gern mit der spanischen Regierung im Gespräch bleiben würde, hilft hierbei nicht wirklich. Der damalige spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy lässt, nach dieser Erklärung, die katalonische Regierung absetzten und übernimmt voerst selbst die Amtsgeschäfte Kataloniens, welches damit die Autonomie wieder verlor. Seine erste Amtshandlung besteht direkt darin Neuwahlen für den Dezember zu terminieren. Wenige Tage später wird Anklage gegen Carles Puigdemont und andere aus dem vorherigen katalanischen Parlament erhoben, viele fliehen ins Ausland, andere werden verhaftet. Die im Dezember stattfindenden Wahlen funktionieren nur mäßig, da viele der Kandidat*innen im Exil oder Gefängniss sind, sodass eine Regierungsbildung erwartbar schwer ist. Im Mai 2018 konnte dann erneut eine katalanische Regierung gebildet werden und Katalonien erhielt den Autonomiestatus zurück.[1,2]
Doch das Thema ist damit nicht gegessen, denn auch wenn wir mit niemandem vor Ort darüber geredet haben, war es für uns Omnipräsent.
Nach diesem kurzen Politik / Geschichtsexkurs sind wir erst einmal noch ein bisschen weiter in den Süden gefahren auf die Halbinsel des Cap de Creus. Dort in der kleinen Ortschaft Cadaqués haben wir uns zwei Nächte auf einem Campingplatz eingbucht und uns auf eine Dusche gefreut. Schon kurz nach der Ankunft auf dem Campingplatz viel mir auf wie staubig dort alles war (dies ist keine Kritik an der Sauberkeit der Campingplatzeinrichtungen), da es hier schon jetzt, im April, so trocken war, dass ich es im Hals spürte.
Am nächsten Morgen musste ich feststellen, dass das Halskratzen leider doch nichts mit der Trockenheit oder dem Staub zu tun hatte, denn ich wurde ordentlich krank. Sodass wir, obwohl wir noch eine Nacht länger auf dem Campingplatz blieben als geplant, nicht viel vom Naturschutzgebiet Cap de Creus oder von Cadaqués zu sehen bekamen. Außer ein paar kurze Eindrücke auf den Hunde-Runden.
Nach ein paar Tagen Erholung und nichtstun zog es uns dann doch schnell weiter, denn schließlich waren wir endlich in den Pyrenäen und wollten diese auch erkunden.
Unser erstes Ziel war ein Nationalpark Namens Garrotxa, in dem man wohl gut an Gesteinsfarbe und Form der Berge erkennen kann, dass diese Region vor sehr langer Zeit aus Vulkanen bestand. Auf Grund der Krankheit und der Pause beschlossen wir hier erst einmal eine kleine Wanderung vorzunehmen um wieder rein zu kommen. Also begaben wir uns morgens auf einen kleinen Rundgang von gut 3km mit den Augen neugierig auf den Bergen und auf dem Gestein ob wir den vulkanischen Ursprung erkennen konnten. Sehr schnell galt mein Interesse jedoch anderen Punkten, denn erstens war der Weg, den wir nehmen wollten, einfach nicht da. Bzw. er endete im nirgendwo und wir mussten uns ein wenig durchs Unterholz kämpfen um bis zur nächsten Kreuzung und damit wieder auf einen Weg zu gelangen. Und zweitens war mein Körper noch ganz und gar nicht begeistert von der Anstrengung, sodass ich bereits nach dem ersten Kilometer zu schwächeln anfing. Da wir uns jedoch gerade mitten im Unterholz befanden und der Weg vor deutlich angenehmer war als zurück, gingen wir ihn bis zum Ende.
Nach dem kleinen, nicht ganz so erfolgreichen Wanderausflug, beschlossen wir erst einmal uns noch einen weiteren Zwischenstop zu gönnen, bevor wir zu den Wanderwegen fuhren, die wir uns schon herausgesucht hatten.
Auf dem Weg zu unserem nächsten Parkplatz meldete sich plötzlich unser Navigationssystem: wir könnten doch an der nächsten Kreuzung auch abbiegen, dann wären wir 9 Minuten schneller da. Ein kurzes Schulterzucken meinerseits und dann setzte Philipp den Blinker. Kurz nach dem Abbiegen auf die deutlich kleinere Dorfstraße bemerkte er bei einem kurzen Blick auf das Display, "Geil, so haben wir fast 20 km gespart". Also fuhren wir entspannt, denn es war so gut wie kein Verkehr, die eher einspurige Straße den Berg hinauf. Recht weit oben angekommen, standen wir plötzlich auf einem Parkplatz. Die Straße weiter hoch wurde zu einer Einfahrt zu einem Haus, mit dem Hinweis, dass es ein Privatweg sei und auf den ersten Blick ging es nirgendwo weiter. Nachdem wir gewendet hatten, sahen wir, dass neben dem Parkplatz ein kleiner unasphaltierter Weg entlangführte und als wir auf die Straße, von der wir kamen, ein paar Meter zurück fuhren, sahen wir ein Hinweisschild, dass die Straße ab hier unbefestigt weiter ginge. Nun dachten wir uns: jetzt sind wir den ganzen Weg schon hoch gefahren, das Schild sagt, hier geht es weiter unser Navi sagt auch hier geht es weiter, also versuchen wir es mal.
Zugegebenermaßen bereuten wir die Entscheidung schon kurz hinter dem Schild, da die Straße ab nun jedoch Bergab ging und es absolut keine Möglichkeit zum Wenden gab, hatten wir keine Chance als weiter zu fahren. Es ist schwer dieses Abenteuer in Worte zu fassen, daher möchte ich euch bitten den Trailer von "RV there yet?" anzusehen, wenn ihr eine Ahnung von dem Gefühl haben wollt, welchen wir auf diesem Weg hatten (Nur ohne Zigaretten und Bier und leider ohne Holzbretter, die wären zeitweise hilfreich gewesen). Leider haben wir keine Fotos oder Videos von diesem Weg, erst wieder, als der Weg wieder deutlich einfacher befahrbar war und da mussten wir zugeben, dass die Aussicht auf dieser Strecke schon einmalig war.

Über eine halbe Stunde später als gedacht (so viel zu 9 min schneller) kamen wir an unserem Platz an, gerade rechtzeitig, dass wir noch einmal kurz mit Cody raus konnten bevor das Gewitter begann. An diesem schönen Aussichtspunkt verbrachten wir noch einmal zwei Tage damit zu regenerieren, dem Regen zu lauschen und natürlich die Aussicht zu genießen. Um uns dann zu unseren geplanten Pyrenäen-Wanderungen zu begeben, dazu im nächsten Beitrag mehr.
Quellen:
[1] Landeszentrale politische Bildung Baden-Würtemberg, Internetredaktion LpB BW (2023) Unabhängigkeit für Katalonien?; https://www.lpb-bw.de/katalonien; Zugriff: 04.05.26, 21:00 Uhr
[2] Westdeutscher Rundfunk Köln, T. Aufmakolk und C.Heidenfelder (2020) Geschichte Kataloniens; https://www.planet-wissen.de/kultur/suedeuropa/reiseland_katalonien/pwiegeschichtekataloniens100.html; Zugriff: 04.05.26 20:59 Uhr



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